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Nr. 1 / 2022
Blick in eine alte Bibliothek,Links ein Bücherregal, rechts davon eine Reihe von Marmorbüsten
Konservatismus

Liebe Leser*innen,

die Frage nach der Bedeutung des Konservatismus lässt sich nicht stellen, ohne nach dem ihm eigentümlichen Verhältnis zu seiner Zeit zu fragen. Ausgehend von der Bedeutung des Lateinischen conservare ist der Konservatismus verbundenmit der Erfahrung eines mal imaginierten, mal realen drohenden Verlusts, gegen den er opponiert. Die Krise des Konservatismus gründet in seiner Spannung zur Moderne mit ihrer umfassenden Temporalisierung und Pluralisierung sozialer Verhältnisse und gesellschaftlicher Normen. Dabei gilt es, den Konservatismus nicht allein ideengeschichtlich als eine der drei großen Ideologien des 19. Jahrhunderts zu besprechen, sondern ihn philosophisch zu verstehen, als das denkerische Beharren auf das, was als Bewahrenswertes zu bestimmen und zu verteidigen ist. Nicht selten ist der Konservatismus dabei dem Verdacht ausgesetzt, als reaktionäre oder restaurative Haltung lediglich an einem Status-quo festzuhalten und so notwendige Veränderungen zu blockieren, zumal dieser Status-quo nicht selten mit überkommenden Autoritäten assoziiert wird. Die folgenden Essays arbeiten demgegenüber in einer reflexiven Bewegung kritisch die (modernen) Momente am Konservatismus selbst heraus, die es zu bewahren gilt oder auf die als philosophische Herausforderung geantwortet werden muss. Gleichzeitig wird aber auch auf die problematischen Aspekte hingewiesen, etwa die Anschlussfähigkeit an rechte Ideologien.

Zum Auftakt votiert Heinrich Oberreuter für eine moderne Fassung eines politischen Konservatismus. Diesen grenzt er sowohl von einem technokratischen Konservatismus der 1960er-Jahre ab, als auch von den Fantasien einer konservativen Revolution oder einer nationalromantischen Renaissance. Was als entscheidendes Motiv bleibe, ist das durchaus ambivalente Verhältnis des Konservatismus zur Moderne. Durch seinen Anschluss an den Liberalismus allerdings, handele es sich um einen lernfähigen und aufgeklärten Konservatismus, der in einem konstruktiv-kritischen Verhältnis zur Moderne stehe und sich der Idee eines autonomen, selbstverantwortlichen Individuums verschreibe, dem ordnungspolitisch die solidarische Leistungsgesellschaft entspricht.

Während die philosophische Landschaft der Nachkriegsjahre in der BRD oftmals als intellektuelles Vakuum beschrieben wurde, erinnert Jens Hacke in seinem Beitrag an die wirkmächtige Geschichte der Ritter-Schule, die sich um den namensgebenden Philosophen und Hegelexperten Joachim Ritter formierte. Hierfür wird das Denken etwa von Robert Spaemann, Hermann Lübbe und Odo Marquard nicht nur gegen seine Kritiker*innen als ernstzunehmende Philosophie vorgestellt, sondern gar in vielen Fällen als Vorwegnahme gesellschaftlicher Problemstellungen gelesen. Dass die Ritter-Schule in der Folge niemals zu einem geschlossenen Schulzusammenhang erstarrt sei, entpuppe sich dabei als Ausweis ihrer theoretischen und gesellschaftspolitischen Pluralität.

Wie der Begriff des Konservatismus bis heute nicht frei, ja sogar anfällig ist für rechtspolitische Vereinnahmungen geht Lilian Hümmler in ihrem Beitrag über die Bibliothek des Konservatismus nach. Diese Berliner Einrichtung, die sich unter einem bildungsbürgerlichen Denkmantel als unschuldiger Ort zur Wissensvermittlung konservativer Theoriebeständen geriere, diene nicht nur der Vernetzung verschiedenster rechtspolitischer Akteur*innen. Durch das gezielte Zusammenspiel aus Affekten und dem bewusst mehrdeutigen Einsatz rechter Ideologeme gelänge es, diese anschlussfähig für einen bürgerlichen Konservatismus zu machen. Dabei stelle sich die Frage, warum Kritik und Protest gegen diese metapolitische Aneignung vor allem aus dem linkspolitischen Spektrum kommen und weniger von konservativer Seite selbst.

              Jürgen Manemann                           Marvin Dreiwes