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Ausgabe Nr. 2 / 2018
Guardini auf Rothenfels

LEBENDIG UND KONKRET

Editorial - Zum 50. Todestag von Romano Guardini

 

Romano Guardini ist ein Denker, der in kein Raster passt: Philosoph, katholischer Theologe, entschiedener Europäer, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels. Dazu ein Seelsorger, der sich insbesondere um die Sorgen und Nöte der jungen Generation kümmerte, und ein schwermütiger Intellektueller, der seine Schwermut mit einem geistig-deutenden Blick zu durchdringen suchte.

Guardinis Philosophie bot Orientierung in Zeiten, die im wahrsten Sinne aus den Fugen geraten waren. Aus diesem Grund arbeitete er an einer philosophischen Weltanschauung, die sich jedoch nicht, wie der Guardini-Professor Ugo Perone im Gespräch hervorhebt, „ideologisch […] in eine Schublade stecken lässt. Er versucht, die Welt immer anhand einer Gesamtperspektive zu betrachten und behauptet, dass sich gerade dadurch eine bessere Möglichkeit eröffnet“. Es ging Guardini immer um ein lebendig-konkretes Philosophieren, das die Gegensätzlichkeit des Lebens nicht unterschlägt, sondern aus ihr heraus denkt. Der Philosoph Jean Greisch fasst die Herausforderung eines solchen Projekts folgendermaßen zusammen: „Letzten Endes ist der Prüfstein der Konkretheit eines solchen Denkens die Fähigkeit, die theologischen Probleme ins Menschliche zu übersetzen, und die menschlichen bis ins Theologische vorzutreiben, ein Anspruch, der mühelos auf die Kennzeichnung von Guardinis Denkstil übertragen werden kann.“ Lebendig-konkret Philosophieren heißt aber auch, wie der Philosoph Eike Brock in seinem Beitrag ausführt, sich mit konkreten Leiden auseinanderzusetzen. Guardini selbst litt unter Schwermütigkeit. In seinen Reflexionen über dieses persönliche Leiden zeigte er auf, „dass die Schwermut einen Sinn hat; und dieser Sinn korreliert mit ihrer Schmerzhaftigkeit: Der Intensität des Schmerzes entspricht die Tiefe des Sinns.“

Guardini kritisierte seine Zeit radikal. Die Religionsphilosophin Patricia Löwe sieht darin gerade seine Gegenwartsrelevanz: „Nachdem er jedoch Zeuge geworden war, wie zwei verheerende Weltkriege Europa verwüstet hatten, glaubte er zu wissen, dass eine Epoche unwiederbringlich zu Ende gegangen war. Was damals nur eine Ahnung, ein ‚Versuch zur Orientierung‘ war, wie er selbst schrieb, hat sich heute zur Gewissheit verdichtet: Wir stehen am Beginn eines neuen Zeitalters. Wird dieses die Apokalypse einläuten oder werden wir es nutzen, um eine gerechtere und bessere Welt zu erschaffen? Auf der Suche nach dem Sinn der zerbrechlichen neuen Zeit war Guardini ein Visionär, wenn nicht gar ein Prophet.“

Guardini starb am 1. Oktober 1968 in München. Sein 50. Todestag ist für uns Anlass, seine besondere philosophische Bedeutung für die Gegenwart hervorzuheben. Wer auf das Leben und die Bedeutung Romano Guardinis blickt, dem fällt das Missverhältnis auf zwischen seiner herausragenden Bedeutung und dem Engagement für sein Erbe. Guardini hatte an der Universität Berlin den Lehrstuhl „Christliche Weltanschauung“ inne, bis die Nationalsozialisten ihm die Lehrbefugnis entzogen, da seine Philosophie nicht mit der nationalsozialistischen Weltanschauung vereinbar war. Wäre es nicht an der Zeit, gerade angesichts des Aufflammens rechtsextremer Gewalt in Deutschland, dass die Stadt Berlin zur Wiedergutmachung den Guardini-Lehrstuhl an der Humboldt-Universität finanzieren und damit verstetigen würde?

Ohne das Engagement der Guardini Stiftung wäre Guardinis Denken heute wohl nicht mehr in der Öffentlichkeit in Berlin präsent. Verschiedene Bistümer unterstützen die Arbeit der Stiftung. Aber hier wäre wohl seitens der katholischen Kirche mehr Hilfe notwendig, um die Arbeit und Forschung auf Dauer zu stellen. Ein Anstoß dazu könnte die erfolgte Eröffnung des Seligsprechungsverfahrens Guardinis sein. Nicht zuletzt ist auch das Denken von Papst Franziskus maßgeblich von Guardini beeinflusst.

Guardini sensibilisiert uns für das Schöpferisch-Kreative: „Daß der Einfall kommt, die Idee aufleuchtet, die Gestalt geboren wird, die Bedingungen des Gelingens sich zusammenfügen, und die inneren Kräfte richtig ineinanderspielen, kann weder berechnet noch erzwungen werden, sondern es geschieht ‚wann es will‘ und verlangt die Haltung der Absichtslosigkeit. Damit ist nicht gesagt, die großen Werke und Taten gerieten von selbst; sie setzen vielmehr unablässige Arbeit, große Konzentration und viel Entsagung voraus. Doch kann das alles den grundlegenden produktiven Vorgang, nämlich die Eingebung, nur vorbereiten, sichern und entfalten; ihn selbst aber kann es nicht erzwingen.“ Der Dichter Norbert Hummelt findet in Guardinis Arbeiten eine Inspirationsquelle für dieses Schöpferisch-Kreative: „Ich persönlich glaube, dass es heute immer noch so ist; dass jenes Angewiesensein auf den Anhauch, die grundlegende Passivität des Schöpferischen, zur Disposition des Menschen gehört […].“ Auch das kann man von Guardini lernen.

 

 
 

 

Jürgen Manemann                                    Ana Honnacker