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Nr. 2 / 2021
Philosophie am Kröpcke
Philosophie am Kröpcke

Reflektieren Sie genug?

Philosophie – eine Wissenschaft im Elfenbeinturm? Weit gefehlt! Das Forschungsinstitut für Philosophie Hannover macht es sich für jede neue Ausgabe des Journals zur Aufgabe, herauszufinden, was die Menschen auf der Straße von den philosophischen Fragen halten, die im Institut erforscht werden. Pünktlich vor Redaktionsschluss führen wir dementsprechend eine streng wissenschaftlich kontrollierte Studie durch: Wir schreiten zum Kröpcke, der Agora Hannovers, und stellen allen Passant*innen, die uns über den Weg laufen, dieselbe Frage – jedenfalls normalerweise. In Zeiten der Pandemie haben wir den Marktplatz kurzerhand virtualisiert und Menschen im digitalen Raum auf ein kurzes Gespräch angehalten. Auf den Spuren des Sokrates, aber bar jeder Ironie.

Reflexion ist vielfältig. Als „Erkenntnis der Erkenntnis” wird sie schon von Platon aufgegriffen. Sie steht für ein prüfendes, vergleichendes Nachdenken über das eigene Selbst und das eigene Verhalten. Sie ist notwendig für Veränderung. Sie ist ein Luxusgut. Zu viel von ihr kann Selbstzweifel, gar Unglück bringen. Zu wenig, aber ebenso. Eins ist sicher: Reflexion verlangt Ruhe, Zeit und manchmal einen sanften Anstoß. In Zeiten der Pandemie sind wir angehalten zu reflektieren, aber reflektieren wir genug? John Lockes philosophische Auseinandersetzung mit dem Reflexionsbegriff und den damit verbundenen Gefühlen der Zufriedenheit oder Unzufriedenheit, spiegelt sich in den Antworten der Befragten.*

* Alle Namen sind frei erfunden.

 

weiter denken: : Reflektieren Sie genug?

Jakob: Grade eher nicht.

weiter denken: Also würden Sie gerne mehr reflektieren?

Jakob: Ich sollte!

weiter denken: Warum glauben Sie, dass Sie „sollten“? Und was hält Sie davon ab?

Jakob: Weil ich mich mit sinnlosem Zeug ablenke, statt mich mal hinzusetzen und mir Gedanken zu machen. Und eigentlich halte ich mich nur selbst davon ab.

weiter denken: Worüber würden Sie denn gerne reflektieren?

Jakob: Hauptsächlich über meinen Platz in der Welt. Ich frage mich auch wieso ich mich manchmal nicht motivieren kann meine Aufgaben auf der Arbeit zu erledigen. Und generell weiß ich nicht, wie ich ein gutes Leben führen kann. (Pause) Ja, Sie haben ja Recht. Ich fahre jetzt fix an die Uni, aber danach setze ich mich hin und reflektiere (lacht).

 

Mia: Intuitiv hätte ich jetzt nein gesagt. Wobei sich mir dann die Frage stellt was “genug” überhaupt bedeutet. Es gibt wahrscheinlich einen Punkt an dem zu viel reflektiert wird und man handlungsunfähig wird, weil man sich ständig hinterfragt.

weiter denken: Stehen Sie an diesem Punkt?

Mia: Nein, bei weitem nicht.

 

Carmen: (lacht) Ich würde mal sagen nein, aber zumindest mehr als die letzten Monate.

weiter denken: Warum mehr als die letzten Monate?

Carmen: Weil ich lange in einer Beziehung steckte, von der ich wusste, dass sie eigentlich nicht gut für mich ist. Ich wollte mich nicht tiefer damit auseinandersetzen, weil ich nicht bereit war mich den Konsequenzen zu stellen. Jetzt habe ich mich getrennt und merke, dass ich schon reflektiert habe, aber einfach nicht ganz ehrlich zu mir war. Jetzt denke ich viel darüber nach, wie das passieren konnte. Und man hat ja grade auch viel Zeit für sowas.

 

Katharina: Genug reflektiere ich wahrscheinlich nie. Die Zeit, über meine Motivation nachzudenken beschränkt sich meist auf „Neues“. Bei dem, was ich immer schon und regelmäßig tue, reflektiere ich den Sinn, die Motivation und die Haltung dahinter, wenn ich von außen einen Anstoß dazu bekomme oder auch mal zu viel Zeit habe, Stichwort Pandemie. Eine Studierende in meiner familiären Umgebung ist seit einigen Jahren ein stetiger Piekser in Richtung „denk doch mal darüber nach“. Nicht immer bequem. Also nein, ich reflektiere sicher nicht genug, weil ich ein bequemer Mensch bin.

weiter denken: Das hört sich an als sei Reflektieren für Sie immer mit Anstrengung verbunden?

Katharina: Ja, in dem Sinne, dass das Ergebnis der Reflexion ergibt, dass ich etwas ändern sollte. Raus aus der Komfortzone. Aber bequem soll Reflektieren ja auch nicht sein, eher ergebnisoffen.

 

Yuna: Also ich weiß, dass ich im Verhältnis zu anderen Menschen in meinem Umfeld deutlich weniger reflektiere als sie. Was heißt dann genug? Genug für mich? Genug für dich, oder sonst jemand? Ich glaube, dass vieles „zerdacht“ wird, wodurch Probleme entstehen wo keine sind. 

weiter denken: Also kann Reflexion für Sie auch schaden?

Yuna: Ja, ich glaube mehr Reflexion ist nicht immer besser. Gleichzeitig macht es Reflexion aber natürlich auch möglich, Ungerechtigkeiten in einem System aufzudecken, also hat man irgendwie auch die Pflicht zu reflektieren. Es geht ja dabei nicht nur um mich selbst, sondern auch darum, wie ich mit anderen umgehe. Das setzt mich manchmal unter Druck, denn ich habe keine besondere Freude am Reflektieren. Ich mache lieber Dinge, also setzte sie um anstatt ewig darüber nachzudenken, was für Konsequenzen mein Handeln haben könnte.

weiter denken: Wie gehen Sie mit dem Reflexions-Druck um?

Yuna: Ich versuche eine gute Mitte zwischen Überforderung oder sogar Lähmung und überhaupt keiner Reflexion zu finden. Gefühlt ist manchmal alles was man tut schlecht für irgendjemanden. Aber ich will ja reflektieren und Probleme nicht wegschieben, besonders wenn es wichtige Themen sind wie Klimaschutz oder Rassismus. Wahrscheinlich sollten wir alle eher mehr darüber reflektieren.

weiter denken: Spannend. Also sind soziale Probleme Hauptgegenstand Ihrer Reflexion?

Yuna: Ja, schon. Ich denke natürlich auch über mein Leben nach. Zum Beispiel weiß noch nicht genau wie es für mich nach meinem Studium weiter geht. Aber da probiere ich lieber Verschiedenes aus, statt zu sitzen und zu denken.

 

Finn: Uff die Frage ist sehr komplex. Ich würde sagen ja.

weiter denken: Können Sie Ihre Gedanken weiter ausführen?

Finn: Ich kann es versuchen. Würden Menschen, mit denen ich 25 Minuten quatsche, sagen, dass ich genug reflektiere? Ja. Würde eine Psychotherapeutin das sagen? Ja. Würden ethisch motivierte Aktivist*innen das sagen? Nein. Würde mein Vater das sagen? Nein. Meine Mutter? Ja. Würden Philosoph*innen das sagen? Unterschiedlich. (lacht)

 

weiter denken: Würden Sie denn gerne mehr reflektieren?

Finn: Nee. Ich habe keine Lust dazu. Deswegen sage ich wahrscheinlich, dass es genug ist. Aber gerade in letzter Zeit habe ich viel nachgedacht. Hätten Sie mich vor einem Jahr gefragt, hätte ich vielleicht nein gesagt. Im normalen Alltag hat man meistens doch zu viel zu tun, um sich mal die Zeit zum Reflektieren zu nehmen.

weiter denken: Worüber reflektieren Sie dann?

Finn: Alles Mögliche. Hauptsächlich meine Arbeit, Zukunftspläne und meine mentale und physische Gesundheit.

 

Lasse: Aktuell reflektiere ich viel. Mehr als sonst. Aber nicht zu viel, nein. Es ist eigentlich genau richtig grade. Ich stehe am Ende einer Lebensphase und muss mich neu orientieren. Für so wichtige Entscheidungen nehme ich mir gerne Zeit, um mich mit den Grundsätzen meines Weltbilds auseinanderzusetzen und wie ich in Zukunft leben möchte. Das ist ja im Grunde Reflexion denke ich.

weiter denken: Auf jeden Fall! Das klingt sehr schön.

Lasse: Viel Reflexion führt bei mir aber auch zu einem Gefühl von Haltlosigkeit und ich zweifle schnell an meinem momentanen Lebensentwurf. Es wühlt also immer auch viel auf.

weiter denken: Wie sieht das aus, wenn Sie reflektieren?

Lasse: Meistens bin ich spazieren oder zu Hause. Ich lese, höre Musik oder schreibe meine Gedanken auf. Entweder in meinem Tagebuch oder als Schaubild. Das hilft mir meine Gedanken zu ordnen.

 

Die Gespräch führte Silvana Hultsch.