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Nr. 1 / 2018
pro & contra

Brauchen wir eine Revolution?

pro

Um zu wissen, ob wir eine Revolution brauchen, müsste man die Träume, Sehnsüchte, Wünsche und Begehren der Menschen kennen. Denn in diesen liegen die Gründe vor, die zu einer Revolution führen. Dabei geht es nicht um den Wunsch nach einem größeren Auto oder einem neuen Computerspiel, sondern um die Sehnsucht nach Freiheit – z.B. nach der Möglichkeit, selber über sein Leben zu bestimmen, die gesellschaftlichen Lebenszusammenhänge grundlegend zu erneuern oder sich frei und gleich an den politischen Prozessen zu beteiligen. Um zu wissen, ob wir eine Revolution brauchen, müssten wir also wissen, welche Freiheitspotentiale gerade unterdrückt sind und ob diese nur durch eine Revolution umgesetzt werden können. So können wir die Frage danach, ob wir eine Revolution brauchen, letztlich nur aus der historischen Situation und aus der Perspektive der Revolutionäre*innen heraus beantworten. Aber ist das wirklich alles, was wir zu der Frage sagen können?

Es kommt darauf an, zu verstehen, was eine Revolution ist. So könnte man annehmen, dass Revolutionen eine Übergangsstufe für die Errichtung einer besseren Gesellschaft sind. Es ließen sich dann Kriterien festlegen, die historische Situationen und Bedingungen identifizieren, in denen eine Revolution notwendig erscheint, um technologischen Fortschritt, Glück, Humanitas oder Freiheit zu realisieren. Dadurch wird die Revolution aber zu einem politischen Instrument degradiert, das man je nach Situation wie ein Werkzeug einsetzt. Besonders brisant für die hier aufgeworfene Frage erscheint mir bei dem Revolutionsverständnis die vermeintliche Plan- und Vorhersehbarkeit der Revolution zu sein. Denn so könnten Wenige Maßstäbe setzen und auf dieser Grundlage entscheiden, ob wir eine Revolution brauchen. Revolutionen sind jedoch eigenwillige Phänomene. Sie ändern je nach geschichtlicher Situation ihre Ausprägung und Form.

Deshalb würde ich vorschlagen, die Revolution als kollektiven Handlungsakt zu verstehen, der vor allem von der Spontaneität, Unabsehbarkeit und Kreativität menschlichen Handelns geprägt ist. Diese Herangehensweise erschließt den Zusammenhang zwischen Situiertheit der Revolution, ihrer Spontaneität und der Rolle unterdrückter Wünsche, Begehren und Sehnsüchte. Für Hannah Arendt machen Menschen in Revolutionen eine entscheidende Freiheitserfahrung durch ihr gemeinsames Handeln: Sie befreien sich und können dadurch ihr Potential zum Neuanfang erfahren. Die Maßstäbe der Revolution werden im Neubeginnen revolutionärer Ereignisse im gemeinsamen Handeln hervorgebracht. Das Kriterium für die Revolution entsteht in und aus dem revolutionären Handeln, in dem sich die Menschen aus einem schlechten Zustand gemeinsam befreien. Von diesem Punkt aus wird es für die Handelnden möglich, durch den Austausch mit anderen neue Formen von Beziehungen zu knüpfen, neue Lebensweisen und Formen auszuprobieren, neue politische Praktiken auszudenken. Durch die Entstehung neuer Bezüge unter den Handelnden entsteht eine Grundlage, von der aus Neues entsteht. Die revolutionäre Situation schafft eine Ebene, auf der Wünsche, Ideen und Begehren ausgetauscht, Ideen entwickelt und das eigene Selbst neu und anders erfahren wird. In dieser Situation wird den Menschen bewusst, dass sie die Bedingungen des Zusammenlebens handelnd stiften und verändern. Sie erfahren die Veränderung als ihr eigenes Werk. Möglich ist dies durch die menschliche Fähigkeit, spontan und kollektiv Kontinuitäten, Traditionen, Praktiken zu unterbrechen und gleichzeitig dadurch eine Erkenntnis über die eigenen Möglichkeiten zu gewinnen.

Sind Begehren, Wünsche und Träume immer auf politische Freiheit gerichtet? Sicher nicht. Aber sie bilden in revolutionären Situationen das Material der Handelnden, das bis zu den revolutionären Ereignissen mal unbewusst, mal ungeduldig auf die Möglichkeit seiner Realisierung harrt. Revolutionäres Handeln kann die Demonstration auf der Straße, die stille oder laute Weigerung zu gehorchen, die Flucht aus und der Widerstand gegen elendige Bedingungen sein. So können Revolution leise – fast unbemerkt – beginnen: “Don’t you know, They’re talkin’bout a revolution, It sounds like a whisper […] Poor people gonna rise up, And get their share” (Tracy Chapman 1988).

Brauchen wir also eine Revolution? Diese Art kollektiver Freiheitserfahrung lässt sich doch auch durch stetige Erneuerungen erreichen? Nein, ich denke, wir brauchen Revolutionen, im Kleinen, wie im Großen, immer wieder, weil Elend, Ausbeutung und Unterdrückung nicht aufgehört haben. Derzeit scheinen mir die Revolutionen schon stattzufinden, wir sehen sie vielleicht noch nicht. Aber die Krisen des Kapitalismus und deren Folgen, die massenhafte weltweite Verelendung und zahlreichen Kriege zeigen, dass wir wieder, immer noch und wahrscheinlich immer wieder auf Revolutionen angewiesen sind. Ja, wir brauchen eine Revolution! (mk)

 

contra

Die Notwendigkeit einer Revolution scheint angesichts des unbestreitbar krisenhaften gegenwärtigen Zustands der Welt auf der Hand zu liegen. Wer meint, mit einem „Weiter so“ sei es getan, ist nicht nur ignorant, er macht sich auch mitschuldig an globaler Ausbeutung und Unterdrückung, an gewaltsam ausgetragenen Kämpfen um Macht und Deutungshoheit und nicht zuletzt an der Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlage. Die Vorstellung, all dies zu beenden und durch neue, gerechte Verhältnisse zu ersetzen, ist fraglos verführerisch. Die revolutionäre Abrissbirne, die alles auf Null setzt, erscheint als eine attraktive Option, auch weil kaum zu sehen ist, wie Veränderungen am bestehenden System mehr sein können als ein hilf- und wirkungsloses Herumdoktern an einem nicht mehr zu rettenden Patienten. Das alles mag stimmen – und trotzdem könnte es sich lohnen, einen Blick auf die „kleine Schwester“ der Revolution zu werfen: die Transformation. Denn der Ruf nach einer Revolution mag nachvollziehbar sein – zu einer Lösung für die komplexen zu bewältigenden Herausforderungen führt sie nicht unbedingt. Nicht nur wegen der Unabsehbarkeit revolutionären Handelns und dessen potentieller Gewaltförmigkeit, sondern schon deswegen, weil eine Radikalität der revolutionären Subjekte erforderlich ist, die dem wohl- und machthabenden Teil der Weltbevölkerung weitestgehend fehlt. Wozu den Status quo riskieren? Nach der Revolution stünde man, vermutlich, schlechter da. Und für die, die, Marx und Engels folgend, bei einer radikalen Umwälzung eigentlich nichts als ihre Ketten zu verlieren, aber eine Welt zu gewinnen haben, gilt weithin, dass sie zwar die Benachteiligten der Systeme sind, aber auch nicht außerhalb davon stehen, und das heißt, ihrer Logik unterworfen sind. Wir alle „brauchen“ zwar eine Wende des Denkens und Handels (wenn auch in unterschiedlichem Maße), sind aber nicht in der Lage, zu imaginieren, wie diese vonstatten gehen soll oder was danach käme.

Wenn Revolution also etwas ist, das aktiv betrieben werden muss, dann fehlen ihr die Subjekte. Wahrscheinlicher scheint das Eintreten eines Zusammenbruchs, quasi eine Revolution der Verhältnisse selbst, der an ihren Grenzen gekommenen Systeme. Ein solcher Kollaps (sei es des Wirtschafts- oder des Ökosystems) aber würde dem Menschen eine passive – im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich: erleidende – Zuschauerrolle zuweisen. Unsere Sehnsucht nach einer alles neu machenden Revolution ließe sich als Ausdruck dieses bereits spürbaren Kontrollverlustes deuten – denn dieser Prozess findet längst statt. Es gilt also, ihn zu gestalten und kreative Handlungsräume zu gewinnen, die es ermöglichen, zwar an Bestehendes anzuknüpfen, aber trotzdem Neues hervorzubringen. Diese Art von eher reformierendem als revolutionärem Wandel, wie sie etwa in der philosophischen Tradition des Pragmatismus vorgestellt wird, setzt ebenfalls mit einer Krisendiagnose ein, also mit der Erkenntnis, dass etwas nicht (mehr) funktioniert und somit problematisch (geworden) ist. Die Erfahrung, dass etwas „nicht stimmt“ und anders sein sollte, als es ist, wird zum Startpunkt einer kritischen Analyse der Problemsituation, auf deren Grundlage dann alternative Szenarien der Überwindung entworfen werden können. Dieser Prozess wird dabei weniger als striktes Befolgen bestimmter, im Vorhinein festgelegter Schritte gedacht, denn als durchaus experimentelles Geschehen mit offenem Ausgang. In Bezug auf die gegenwärtigen Krisen hieße das, dass wir diese zunächst tatsächlich als „unsere“, uns angehende, begreifen lernen müssen. Nur dann, wenn unsere Problembeschreibungen gewissermaßen erfahrungsgesättigt sind, wird die Dringlichkeit des alternativen Handelns deutlich. Darüber hinaus braucht es Räume, in denen unsere Vorstellungskraft frei spielen kann. Die Kreativität, die dadurch entsteht, kann in aktive Transformation münden, Änderungen der Einstellungen und des Verhaltens, die sich schließlich auch in neuen Strukturen sedimentieren – und vielleicht wäre damit die Grenze zur Revolution bereits überschritten. (ah)