Bild der Startseite
Nr. 1 / 2018
philosophie heterotop
philosophie heterotop

Die Stiftung kulturelle Erneuerung

Auch wenn die Ursprünge menschlicher Kultur in grauer Vorzeit liegen, sind die Quellen, aus denen sie gespeist wurde, bis heute gut erkennbar: eine Vielzahl von Vorstellungen und Gedanken, die dem weiten Bereich von Religion zugeordnet werden können, ästhetisch-künstlerische Manifestationen und schließlich Einsichten und Erkenntnisse, die den Menschen den Weg zur Vernunft wiesen. Dabei waren diese Bereiche während der längsten Zeit eng miteinander verbunden.

Erst in neuer Zeit – in Europa beginnend mit der Renaissance – entwickelten sie sich immer unterschiedlicher. Die vernunftgeleitete Welt der Wissenschaft löste sich von religiösen Vorstellungen und auch die Kunst hörte auf, vorrangig im Dienste von Religion zu stehen. Die Folgen waren überwältigend. Eine von religiösen Zwängen und Rücksichtnahmen befreite Wissenschaft erweiterte ihre Horizonte in ungeahnte Weiten, die Kunst verwirklichte sich in immer neuen Formen und Gestalten und auch die Religion durchlief eine Metamorphose.

Mit dieser fraktionierten Kultur hat es der Mensch weit gebracht. Durch sie wurde er zur alles dominierenden Spezies. Zugleich wurden allerdings auch Kräfte freigesetzt, die für ihn existenzbedrohend sind. So kann er zum ersten Mal in seiner Geschichte buchstäblich auf Knopfdruck jede höhere Lebensform – sich selbst eingeschlossen – auslöschen und zum ersten Mal hat er die Tragfähigkeit der Erde weit hinter sich gelassen. In einem Akt aus Kühnheit und Verblendung hat er sich aus den Grenzen katapultiert, die ihn bislang eingehegt und geschützt haben.

Damit dürfte es an der Zeit sein, das prekäre Verhältnis zwischen Natur und Kultur einerseits sowie den gegenläufigen Kräften der Kultur andererseits neu auszutarieren. Die Kultur, oder richtiger: die Kulturen, bedürfen kritischer Hinterfragung und gegebenenfalls der Umgestaltung. Wie alle Erfahrung zeigt, geschieht dies bislang nur selten. Die Kultur wird als etwas gewissermaßen Urwüchsiges wahrgenommen. Eine Gesamtschau kultureller Entwicklungen und deren Verirrungen gibt es bislang nicht. Hier liegt ein weites unbestelltes Feld

Die Stiftung kulturelle Erneuerung, die zu Beginn des Jahres 2017 ihre Tätigkeit aufgenommen hat, möchte dazu beitragen, dass dies nicht so bleibt. Vor allem möchte sie bewusst machen, dass sich Kulturen dann am besten entwickeln, wenn Wissenschaft, Kunst und Religion einen harmonischen Dreiklang bilden. Wissenschaft wird durch Kunst sublimiert und sinnlich, Religion kann den Menschen über sich selbst hinaus weisen und ihm zugleich Grenzen setzen. Im Kern geht es darum, das zerstörerische Potential der derzeit herrschenden Kultur einzudämmen und seine Wirkungen auf Umwelt, Natur, Mensch und Gesellschaft möglichst sogar umzukehren.

Grundlegend hierfür ist die Ermöglichung und Intensivierung von Kontakten zwischen Menschen, die sich dieser Problematik bereits angenommen haben oder dies beabsichtigen. Ihnen will die Stiftung Plattformen bieten, damit sie besser wahrgenommen werden können. Diese Menschen kommen aus unterschiedlichen Lebensbereichen, aus den Natur- und Geisteswissenschaften, namentlich der Philosophie, den Künsten und der Religion, aber auch aus dem Bereich praktischer Anschauung und Erfahrung. Sie werden zusammengeführt auf größeren Tagungen, Symposien und Kolloquien.

Bei diesen Gelegenheiten sollen nach Möglichkeit die Potentiale eines befruchtenden Zusammenwirkens von Wissenschaften, Künsten und Religion erleb- und erfahrbar gemacht werden. Da diese Potentiale seit langem weitgehend brach liegen, fehlt häufig die Übung im Umgang mit ihnen. Wissenschaftler, Künstler und Religionsvertreter stehen nicht selten einander fremd gegenüber. Sie wissen zu wenig voneinander, um sich in den jeweils anderen Bereich hineinversetzen zu können. Mitunter bestehen geradezu Berührungsängste, die nur langsam zu überwinden sind.

Ein weiterer Schwerpunkt der Stiftungstätigkeit ist die Förderung wissenschaftlicher Arbeiten im skizzierten Themenbereich. Dabei interessiert derzeit vorrangig, welches Instrumentarium die Menschheit bislang entwickelt hat, um sich den schädlichen Wirkungen ihres Handelns zu entziehen, und ob dieses Instrumentarium auch heute noch taugt. Erste Ergebnisse dieser Arbeiten sind ernüchternd. Die Menschheit hat sich durch ihr Handeln Gefährdungen ausgesetzt, die für sie völlig neu sind. Das erschwert Rückgriffe auf frühere Erfahrungen.

Auch die Pflege der Künste spielt für die Stiftung eine herausragende Rolle. Zu dieser Pflege gehört die Förderung künstlerischer Formen, die ohne gezielte Hilfe unterzugehen drohen, die Realisierung von Kunstprojekten, die nicht auf Massenresonanz stoßen, oder die temporäre Unterstützung junger Künstler. Der Zielsetzung der Stiftung gemäß geht es allerdings auch hier wiederum um die bessere Vernetzung von Wissenschaften, Künsten und Religionen. Denn die Künste sind weit mehr als bloße Dekoration. Sie sind das beseelende Element jeder Kultur und sollen als solches behandelt werden.

Bleibt die Stellung der Religionen in den Kulturen. Unter Religion versteht die Stiftung kulturelle Erneuerung das schlechterdings Unverfügbare, das Essentielle menschlicher Gesellschaft, das der Mensch respektieren muss, wenn er sich nicht selbst schaden will. Ein Großteil heutiger Probleme dürfte auf die religionsnegierende Entgrenzung menschlichen Tuns zurückzuführen sein.

Fragestellungen wie diese sind von einer Vielzahl von Institutionen immer wieder bearbeitet worden. Dennoch muss die Stiftung nach einjähriger Tätigkeit feststellen, dass noch vieles ungeklärt ist, weshalb auch sie nicht selten experimentell vorgehen muss. Methoden müssen oft erst erprobt werden. Aber das ist nicht zuletzt ein besonderer Reiz ihrer Arbeit.

Orchester des Wandels (Rosenberg)

Im „Orchester des Wandels“ haben sich Musiker*innen der Berliner Staatskapelle zusammengefunden, um sich mit kreativen Konzertformaten an ungewöhnlichen Orten für die Erhaltung eines lebenswerten Planeten einzusetzen. Foto: Rosenberg