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Nr. 1 / 2018
Interview
Interview

Vom notwendigen Wandel der Wachstumsgesellschaft. Ein Gespräch mit Felix Ekardt

weiter denken: Welche Utopien brauchen wir angesichts der ökologischen Katastrophe?

Ekardt: Zu Utopien neige ich nicht besonders. Wir sollten zunächst unsere ethischen und rechtlichen Verpflichtungen ernst nehmen. Das Pariser Klima-Abkommen vom Dezember 2015 beispielsweise erfährt öffentlich neben Lob viel Kritik. Dabei wird seine äußerst ambitionierte Zielstellung übersehen, die die globale Erwärmung verbindlich auf deutlich unter 2 Grad und besser noch 1,5 Grad gegenüber vorindustriellem Niveau begrenzt. Dies und auch die Menschenrechte machen deutlich, dass rechtlich gesehen bei Existenzfragen wie dem Klimawandel nur eine Politik, die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die Temperaturgrenze im soeben beschriebenen Sinne einhält, zulässig ist. Dabei spielt auch eine Rolle, dass in einigen Hinsichten bisherige Klimaprognosen oder -projektionen eher zu optimistisch zu sein drohen. Schon bisherige Klimaprognosen legen für die Zielmarge deutlich unter 2 Grad und besser noch 1,5 Grad globale Nullemissionen in ein bis zwei Jahrzehnten nahe. Das ist meilenweit entfernt von den vielbesungenen deutschen und europäischen Klimazielen, die jetzt auch noch verfehlt werden. Aber selbst wenn sie nicht verfehlt würden, wären sie wie gesagt völlig unzureichend.

 

weiter denken: Dass der technische Wandel allein nicht ausreicht, um dem Klimawandel entgegenzuwirken, bedeutet, dass wir auch einen Verhaltenswandel benötigen, also unser Verhalten und unseren Lebensstil ändern müssten. Wo sehen Sie Ansatzpunkte, diesen Wandel auch tatsächlich umzusetzen?

Ekardt: Natürlich brauchen wir zum Beispiel den konsequenten Umstieg auf erneuerbare Energien und mehr Energieeffizienz. Doch selbst technischen Wandel bekommen wir nicht allein durch pfiffige Unternehmer und Konsumenten, und erst recht gilt das für Verhaltenswandel, also für mehr Genügsamkeit oder Suffizienz. Dafür sind Unternehmen und Konsumenten in ihren täglichen Entscheidungen viel zu sehr auf die Normalitäten der Vielverbrauchsgesellschaft eingeschliffen, und Normalitätsvorstellungen ändern sich – wie menschliches Verhalten allgemein – mitnichten allein durch neues Wissen. Auch schlichter kurzfristiger Eigennutz, Pfadabhängigkeiten, Kollektivgutprobleme und menschliche Emotionen wie Gewohnheit, Verdrängung, Bequemlichkeit und fehlende Dringlichkeitsgefühle bei raumzeitlich entfernten Problemlagen wie dem Klimawandel stehen unserer Öko-Performance oft im Weg. Überschätzt werden Faktenwissen und Werte, also das „Bewusstsein“. Die vermeintlich Klimabewusstesten haben häufig einen besonders großen ökologischen Fußabdruck. Das ist für die Verhaltenswissenschaften – also für Soziologie, Psychologie, Ökonomik, Ethnologie, Soziobiologie oder Kulturwissenschaft – ein gängiger und auch wenig überraschender Befund. Wer gebildet ist, ist oft auch wohlhabend und leistet sich deshalb einen ressourcenintensiveren Lebensstil beispielsweise mit vielen Flügen, einer großen Wohnung, größeren Autos und mehr sonstigen Konsumgütern. All die genannten Faktoren haben eine evolutionsbiologische und eine kulturelle Komponente. Insbesondere die kulturelle Komponente daran lässt sich grundsätzlich ändern – und zwar in einem Wechselspiel der verschiedenen Akteure.

 

weiter denken: Eine gängige Reaktion ist ja, dass „der Einzelne“, beispielsweise als Konsument, gar nichts gegen „die Politik“ oder „die Konzerne“ ausrichten könne – womit dann häufig die eigene Untätigkeit legitimiert wird. Wie können wir aus Systemzwängen und Pfadabhängigkeiten ausbrechen? Kann man einüben, Alternativen zu imaginieren?

Ekardt: Ob eher die Konzerne oder die Kunden oder die Politiker die Bösen sind, wäre eine Henne-Ei-Diskussion. Die einen gibt es nicht ohne die anderen. Außerdem sind wir alle als Kunden, Arbeitnehmer und vielleicht noch Aktionäre in Gestalt unseres Pensionsfonds mehr oder minder eng mit den Unternehmen verflochten. Gesellschaftlicher Wandel geschieht in einem Wechselspiel verschiedener Akteure. Auch Politiker und Bürger hängen wechselseitig voneinander ab.

Will man neue Technik wie erneuerbare Energien und Energieeffizienz schnell in den Markt bringen und will man unser aller Verhalten mitunter auch genügsamer machen, wird neben aller unternehmerischen Kreativität und allem Wandel von unten auch Politik nötig sein. Und zwar geographisch und sachlich breit ansetzend, sonst verlagert man oft Probleme lediglich in andere Länder oder andere Sektoren. Insbesondere indem man die fossilen Brennstoffe konsequent aus dem Markt nimmt, auch wenn an ihre Stelle nicht nur neue Technik, sondern manchmal auch etwas Genügsamkeit treten müsste. Dazu gehört aber auch, dass jemand diesen politischen fossilen Ausstieg einfordert. Wissen und Werte zu stärken genügt jedenfalls politisch und persönlich nicht. Man muss gerade Eigennutzenkalküle, Pfadabhängigkeiten und Normalitätsvorstellungen durch solche Maßnahmen angehen.

So würden die fossilen Brennstoffe vorübergehend durch ihre Verknappung stark verteuert und wären anschließend dann nicht mehr im Markt. Beim Verbraucher käme dies als Anreiz an, sich auf erneuerbare Energien, Energieeffizienz und Suffizienz hin zu orientieren. Versteigert man die Berechtigungen, fossile Brennstoffe in den Markt zu bringen, in jährlich kleiner werdenden und schließlich auf null schrumpfenden Mengen an die Handvoll Unternehmen, die etwa in der EU als Erstinverkehrbringer fossiler Brennstoffe agieren, würde man deren gesamtes Auftreten in den Sektoren Strom, Wärme, Treibstoff, Kunststoff und Dünger abdecken – und durch die Versteigerung würde man den Preisdruck noch erhöhen.

Absehbar werden nicht alle Länder dabei mitmachen. Aber startet die EU damit und machen zum Beispiel die afrikanischen und lateinamerikanischen Länder mit, könnte man gegenüber den Ländern außerhalb dieses Raumes einen Ökozoll einführen. Damit wäre die Wirtschaft in dem Raum der mitmachenden Länder vor Problemen mit der Wettbewerbsfähigkeit sicher, und es würden auch nicht einfach Treibhausgasemissionen nach außerhalb des Raumes der beteiligten Länder verlagert – das wäre für das Klima auch witzlos. Der Ökozoll für Importe, verbunden mit einer Energiekostenerstattung bei Exporten, würde bewirken, dass Unternehmen in Ländern ohne entsprechende Energiepolitik keinen Kostenvorteil hätten.

Wahrscheinlich bedeutet ökologisch motivierte Genügsamkeit – neben besserer Technik, die man verkaufen kann und die deshalb für sich genommen wachstumstauglich wäre – durch die Hintertür einen Ausstieg aus der Wachstumsgesellschaft. Wie aber können Unternehmen ohne Wachstum klarkommen, wenn eine ökologisch nötige Genügsamkeit ihnen mittelfristig Absatzmärkte nähme? Es gibt Unternehmen, die das bereits ausprobieren. Wir brauchen auch gute Ideen dafür, wie ein Arbeitsmarkt in einer solchen Welt ohne Wachstum als Treiber funktionieren könnte. Arbeitszeitverkürzung, Grundeinkommen, aber auch Wege der Tagesgestaltung jenseits der Lohnarbeit müssen viel konkreter als bislang debattiert, ausprobiert und angegangen werden. Solche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konzepte weiter zu vertiefen, ist mindestens ebenso wichtig wie die neuesten technischen Innovationen.

Felix Ekardt

Prof. Dr. Felix Ekardt leitet die Forschungsstelle Nachhaltigkeit und Klimapolitik in Leipzig und Berlin. Die Fragen stellte Ana Honnacker.