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Nr. 1 / 2018
Utopienarche, Makis E. Warlamis, (2010), Das Kunstmuseum Waldviertel
Geist der Utopie

Editorial

Utopien, so lässt sich zugespitzt sagen, haben gegenwärtig einen schlechten Ruf: Bestenfalls sind sie unrealistische Zukunftsträume, schlimmstenfalls sind sie beim Versuch, sie in die Realität zu überführen, gescheitert, und das nicht, ohne erhebliche Opfer zu fordern. Und doch bräuchten wir dringend neue Visionen für das Zusammenleben. Angesichts der Spaltungen und Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft und in Anbetracht der Herausforderungen, denen sie sich ausgesetzt sieht, reicht der rein „realistische“, nur feststellende Blick nicht aus. Die Zukunft würde dadurch zu einer bloßen Verlängerung dessen, was ist. Nun sollten die alten Utopien nicht wieder reanimiert werden. Eingedenk ihrer teilweise offenen, vielfach subkutanen totalitären Tendenzen wäre das auch nicht wünschenswert. Aber können wir auf den Spirit verzichten, der dazu motiviert hat, vermeintlich alternativlose Gegebenheiten – und sei es nur für einen Augenblick – zu durchbrechen?

Gerade das Jahr 2018 gibt Anlass, über die Fragen nach dem, was sein könnte, und dem, was vielleicht auch möglich wäre, neu nachzudenken: Vor 100 Jahren erschien das Buch „Geist der Utopie“ des Philosophen Ernst Bloch. Im Ausgang von diesem einflussreichen Werk wollen wir den Potenzialen utopischen Denkens nachspüren. Ohne den Geist der Utopie laufen wir Gefahr, die Möglichkeiten zur radikalen Veränderung dieser Gesellschaft hin zu einer gerechteren Gesellschaft ungenutzt zu lassen.

Franscesca Vidal führt in das teils kryptische Werk „Geist der Utopie“ und seinen Kontext ein. Sie zeichnet die Stimmungslage nach, die dieses Experiment möglich machte. Jürgen Manemann geht den Spuren nach, in denen heute das Utopische erfahrbar werden kann. Denn ohne die Erfahrung des Utopischen kann es keinen Geist desselben geben. Gisela Dischner entbirgt die Potenziale der romantischen Utopie für die Gegenwart. Dabei hebt sie die Sehnsucht hervor, die sich in dieser Utopie ausdrückt und Quelle des Schöpferischen ist. Wer heute von der Utopie spricht, der kann nicht von Karl Marx schweigen, erst recht nicht im Jahr seines 200. Geburtstages. Und so erschließt Holger Gertz im Ausgang eines Gespräches mit Joachim Barloschky „neue Visionen nach Marx“.

Die Beiträge in dieser Ausgabe sind Suchbewegungen, die dazu ermutigen wollen, Neues zu denken und zu leben.

 

    

                                                                         

 

 

 

Jürgen Manenmann                  Ana Honnacker