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Kill All Normies. Online Culture Wars from 4chan and Tumblr to Trump and the Alt-Right

Spätestens seit Trumps Wahlsieg 2016 dürfte deutlich sein, dass die Bedeutung des Meinungskampfes im Internet für den Ausgang der Wahl nicht unterschätzt werden sollte. Angela Nagle hat nun ein Buch über Internet- und Online-Subkulturen vorgelegt, das schlaglichtartig nachzeichnet, welche kulturellen Formen und politischen Inhalte sich seit den späten Nullerjahren bis heute im Web ausgedehnt haben. Die Journalistin zeigt, wie diese Subkulturen miteinander entlang unterschiedlicher politischer Konfliktlinien in Interaktion treten und welche Wechselwirkungen und Reaktionen sich zwischen ihren User*innen ereignen. Sie zeigt uns einen Kampf um die Online-Kultur selbst, der sich zwischen zwei Lagern abspielt: links stehen liberals auf social media sites wie tumblr und die Blogge*innen der universitären Linken, rechts eine krude Zusammenkunft von anti-feministischen Gamern, rassistischen Internet-Trolls und ironischen Social-Media-Stars, die vor allem durch ihre Lust an Regelverstößen und Überschreitungen gegenüber jenen geeint sind, die sie als Vertreter*innen der linksliberalen Kultur identifizieren.

Die erste Entwicklung zur Formierung beider Lager, ebenso wie die Entwicklung zu zunehmend rohen Auseinandersetzungen zwischen ihnen online, verfolgt Nagle zurück zu viralen Videos und Memes wie ‚Harambe‘, deren Ausbreitung sich zwischen dem Modus einer wetteifernden Empörung und jenem der schadenfreudigen Ironie bewegte[1]. Sie sieht darin einen Ausgangspunkt für die Online-Kultur der jungen Rechten, die eine Politik der Normüberschreitung als solche verfolgt und der es damit gelang, eine Ästhetik der Gegenkultur und der Nonkonformität gegenüber dem ‚liberalen Establishment‘ anzunehmen. Mit der Selbstzuschreibung der jungen Rechten als ‚New Punk‘[2] wird ein Mythos der moralischen Transgression als heroischer, nobler Akt bemüht, der sich gegen auferzwungene Moralität stellt.

Die Autorin zeichnet nach, wie dieser Stil der Gegenkultur in anti-moralischen und tabubrechenden Memes und Trolling auf Online-Communities wie 4chan seinen Ausgang fand. 4chan, durchsetzt von schockierenden pornographischen und nihilistisch-antiliberalen Überschreitungen, schloss sich nahtlos an eine breitere Alt-Right-Community an, da die Kommentarkultur auf der Website geprägt ist durch eine der Alt-Right nahen Gegenposition zu politischer Korrektheit, Feminismus und Multikulturalismus. Ebenfalls geschah die Verbindung der jungen Rechten mit anti-feministischen und maskulinistischen Subkulturen; von sexuell frustrierten ‚involuntary celibates‘ und ‚beta-males‘, welche auf Websites wie reddit gegenseitig ihr Ressentiment und ihre Bitterkeit gegen ‚females‘ schüren, bis hin zu selbst erklärten ‚alphas‘, die ihren Frauenhass mit sozialdarwinistischen, nationalistisch-rassistischen Anleihen und peinlicher misogyner Rhetorik unterfüttern.

Nagle zeigt diese Verbindungen am Beispiel des Right-Wing-Bloggers Milo Yiannopoulos, der einen ironisch grenzüberschreitenden 4chan-Stil mit rechten Politikinhalten zusammenlegt. Sein Stil, zusammen mit jenem weiterer Medienpersönlichkeiten der neuen Generation des rechten Aktivismus, hat wenig gemein mit dem Ideal des bibeltreuen, familienorientierten Konservativen, sondern trägt libertine, individualistisch-postmoderne, bis hin zu nihilistischen Charakterzügen. Die Autorin macht damit deutlich, dass der Erfolg der Alt-Right nicht als Wiederaufleben des Konservatismus, sondern vielmehr als eine Reaktion gegen den etablierten US-Konservatismus zu deuten ist, der sich ebenso einen ‚Gramscianismus von rechts‘ auf die Fahnen geschrieben hat wie die Französische Rechte. Diese Benennung der „eigenen“ intellektuellen Wurzeln (im Falle Gramscis vielmehr eine selektive Eingemeindung der Erkenntnisse linker Theoriebildung) offenbart ein neues Bewusstsein der Rechten für das Primat eines bewusst herbeigeführten kulturellen Wandels, der dem formal-politischen Wandel vorausgehen muss, um antiliberale Politikinhalte bei weiten Teilen der Bevölkerung zustimmungsfähig zu machen.

Nach Nagle gelang dies gerade über ein bewusstes Umgehen der herkömmlichen Medien, indem man existierende Online-Kulturen eingemeindete und damit einen Verbund kultureller Bewegungen schuf, die an News-Portale wie Breitbart sowie die Kanäle unabhängiger Social-Media-Persönlichkeiten anschlussfähig waren. Zusammengehalten wurde dieser Verbund durch seine vehemente Opposition zu etablierten Medien und etablierter Politik. Lange vor Trumps Wahlsieg konnte so der Mainstream massiv beeinflusst und das, was als akzeptabler Diskurs gelten kann, signifikant nach rechts gedrängt werden.

Das Herausbilden einer jungen rechten, an Transgression orientierten Online-Kultur situiert Nagle neben der Erscheinung einer links-orientierten Online-Kultur, die sie, verkürzend nach der am meisten mit dieser Erscheinungsform assoziierten Website, tumblr-Liberalismus nennt. Dieser beschreibt eine linke Kultur, die sich gegen die traditionelle materialistische Linke formiert und die den Fokus von ökonomischer Ungleichheit hin zur Anerkennung von Diversität verändert: Hier geht es exklusiv um die Fluidität von Identität (um gender, race, kulturelle Identität, aber auch physische und psychische Krankheit oder Einschränkungen als Quelle von Identität), bzw. um eine Flut aus konkret benannter Identitäten der Nutzer*innen, die sich minutiös über ihre Identifikationen austauschen. Nagle erkennt darin die extreme Ausformung einer Kultur, in der das Leiden an struktureller Gewalt und Vulnerabilität zentral ist, in welcher jedoch andererseits hartes Shaming, Outing und Attacken auf jene üblich ist, die hinter entsprechende Kritikstandards zurückfallen.

Die Autorin versteht die Interaktion zwischen beiden Lagern als sich beständig gegenseitig verstärkende und verschärfende Reaktion aufeinander: Trumpians, Alt-Right und reddit/4chan-User*innen steigern ihren Grad der politisch-unkorrekten Tabubrüche während tumblr-User*innen und die universitäre Linke auf diese Tabubrüche noch sensibler reagieren und diese noch härter anprangern. Nagle beschreibt hier eine Dialektik zwischen einerseits einer Online-Kultur, in der die banalsten Handlungen als frauenverachtend und rassistisch gelten und die sich in einer Art ‚Tugend-Online-Wettbewerb‘ ergibt, und andererseits einer Online-Kultur, die sich gegen diesen wendet, jedoch dabei immer weniger ein harmloses Trolling dieses Wettbewerbs beschreibt. Vielmehr haben sich die Gruppen, die die Gegenkultur zum tumblr-Liberalismus bilden, zu einer Sammlung von Rechtsnationalist*innen, Anhänger*innen der Rassentrennung und offen menschenverachtenden Personen entwickelt. Entgegen einer Rhetorik des rechten Lagers, nach der sich einfache Leute von der Forderung nach political correctness befremdet fühlen, wendet sich jedoch der subkulturelle Elitismus der Rechten ebenfalls gegen die breite Masse, die sie als indoktriniert vom liberal-feministischen Multikulturalismus der Linken wahrnimmt (entgegen der linken Perspektive, unter der die Masse als tendenziell rassistisch und sexistisch eingestuft wird).

Dies zeigt den eigentlichen Wert in Nagles Betrachtung: Sie erkennt den tiefen subkulturellen Snobismus gegen weite Bevölkerungsteile und gegen Massenkultur, die beide identitätspolitischen Lager durchzieht. Letztlich deutet die Autorin den Trump-Clinton-Wahlkampf als logischen Endpunkt einer Entwicklung der Politik hin zum kulturellen Spektakel zwischen zwei rivalisierenden Flügeln zeitgenössischer Identitätspolitik. Sie beschreibt die Zusammenstöße und das Zusammenwirken der miteinander interagierenden Online-Kulturen häufig en detail und gut nachvollziehbar, und bietet damit eine wertvolle Vermessung der Fronten und Kampfzonen der Online-Culture-Wars. Ob man mit Nagle die junge US-amerikanische Linke für den aggressiven Ton der Alt-Right mitverantwortlich machen und man beide Erscheinungen als extreme Formen der Identitätspolitik sehen will oder nicht - ihre Erkenntnis, dass Alt-Right und tumblr-Liberals in Bezug auf die Konservativen respektive die materialistische Linke in eine elitär-avantgardistische Kultur abgleiten mögen, ist eine signifikante Situierung beider Lager in einer übergeordneten kulturellen Entwicklung. Anschließend an das von ihr aufgezeigte Panorama formuliert Nagle die Notwendigkeit für etwas Neues: „it may be time to lay the very recent aesthetic values of counterculture and the entire paradigm [of edginess] to rest and create something new“[3].



[1] Harambe ist der Name eines Gorillas, der im Zoo von Cincinnati erschossen wurde, nachdem ein Kind in sein Gehege gefallen war. Auf die öffentliche Reaktion der wütenden Empörung und der Anschuldigung der Eltern des Kindes folgte bald die ironische Verspottung des ‚Tugendspektakels‘ auf den sozialen Medien, die mit dem #JusticeForHarambe und dem medial verbreiteten Schlachtruf ‚Dicks out for Harambe‘ begann und in der Bezugnahme auf Harambe im Rahmen von rassistischen Hasskampagnen und diversen Alt-Right-Memes kulminierte.

[2] So Nagles Zitat des Right-Wing-Bloggers und -Aktivisten Milo Yiannopoulos.

[3] Kill all Normies: 116.

 

 

 

 Angela Nagle:

Kill All Normies. Online Culture Wars

from 4chan and Tumblr to Trump and the Alt-Right.

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