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Ausgabe Nr. 1 / 2020
Howe (1840)_The_only_survivor_of_the_wreck. 	 British Library Image taken from page 8 of 'Awful Calamities: or, the shipwrecks of December, 1839, ... on the coast of Massachusetts ... Sixth edition'

Blumenberg

Editorial

„Der Schiffbruch, als überstandener betrachtet, ist die Figur einer philosophischen Ausgangserfahrung“ – die Kontingenzen, die das menschliche Dasein bestimmen, die Vergeblichkeit, sie kontrollieren zu wollen, das Bemühen darum, dieses Drama der Existenz aus sicherer Distanz zu verfolgen, all dies, so ließe sich im Anschluss an Hans Blumenberg sagen, motiviert philosophisch begriffliche Reflexion auf das menschliche Dasein, wird von dieser aber nie vollständig und endgültig erfasst. Entsprechend schreibt Blumenberg absoluten Metaphern eine gleichermaßen störende wie anregende Rolle für die begriffliche Erschließung der Welt (und des menschlichen Daseins in dieser Welt) zu. So sperrt sich auch das philosophische Werk des Münsteraner Philosophen, dessen Geburtstag sich dieses Jahr zum 100. Mal jährt, gegen eine allzu schnelle Vereindeutigung und Verfügung.

Die Essays dieser Ausgabe zeichnen die mit Blumenberg einzugehenden philosophischen Umwege nach, die hinsichtlich einer Festschreibung dessen, was der Mensch ist und wie Philosophie zu treiben sei, ein verzögerndes Moment aufbieten und damit Spielräume des Nachdenkens eröffnen. Birgit Recki geht in ihrem Beitrag Blumenbergs philosophischer Anthropologie nach, die in der Spannung zwischen notwendiger menschlicher Selbstbehauptung und produktiver Selbststeigerung steht. Gegen den Absolutismus der Wirklichkeit stehen die vielgestaltigen Weisen des Menschen, sich mit der Welt in Beziehung zu setzen. Die Umwege, die der Mensch mittels der Kultur und ihrer Eigendynamiken einschlägt, verschaffen ihm Distanz und Autonomie und wirken somit humanisierend.

Blumenbergs Ablehnung des mit einem rigoristischen Wahrheitsverständnis einhergehenden Aufklärungsgestus und seine Vorbehalte gegenüber der Ideologiekritik vor allem marxistischer Provenienz dürften dazu beigetragen haben, dass die kritischen Potentiale seiner „Paradigmen zu einer Metaphorologie“ noch nicht systematisch ausgeschöpft sind. In Sebastian Tränkles Beitrag kommt dieses von Blumenberg entwickelte sprachhistorische und -kritische Verfahren in den Blick und erhält eine ideologiekritische Erweiterung. Der Herausforderung, sich dem undogmatischen philosophischen Stils Blumenbergs methodisch anzunähern, widmet sich Philipp Stoellger in seinem Essay. Es ist die Verflüssigung der Grenze zwischen Philosophie und Literatur, so Stoellger, die Blumenbergs nicht zuletzt auch entscheidend durch Humoralität ausgezeichnetes Sprachdenken so produktiv macht. Der Produktivität Blumenbergs als philosophischer Kinobegleitung spürt Felix Heidenreichs Beitrag nach. Dabei ist es insbesondere die Idee der Präfiguration und mythischer Bedeutungsproduktion, die am Beispiel des von den Brexiteers aufgerufenen „Spirit of Dunkirk“ als problematische Komplexitätsreduktion in den Blick kommt.

 

 

              Jürgen Manemann                                    Ana Honnacker