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Ausgabe Nr. 2 / 2019
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Faschistische Versuchungen

 Editorial

„Für mich ist ein Faschist jemand, der sich stark mit einer gesamten Nation oder Gruppe identifiziert und den Anspruch erhebt, in deren Namen zu sprechen, jemand, den die Rechte anderer nicht kümmern und der gewillt ist, zur Erreichung seiner Ziele jedes Mittel zu ergreifen, einschließlich Gewalt. […]. Mein ganzes Leben lang war ich überzeugt, man könne sich darauf verlassen, dass Amerika jedem politischen Führer, jeder Partei oder Bewegung dieser Art den Weg versperrt. Nie hätte ich gedacht, ich würde mit meinen inzwischen achtzig Lebensjahren einmal daran zweifeln.“ – so schreibt die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright in ihrem Buch „Faschismus. Eine Warnung“ (2018). Und sie fährt fort: „Vom italienischen Schriftsteller und Holocaust-Überlebenden Primo Levi stammt der Satz, jedes Zeitalter habe seinen eigenen Faschismus. […] Wir sind noch nicht an dem von Primo Levi angesprochenen kritischen Punkt, aber all diese Zeichen fühlen sich an, als seien wir auf dem Weg zurück in eine Zeit, als der Faschismus reichen Nährboden fand und menschliche Tragödien millionenfach an der Tagesordnung waren.“

Wir nehmen die Warnung ernst. Wer den Rechtspopulismus bekämpfen will, der muss sich mit seinen faschistoiden Tendenzen befassen: dazu zählen nicht nur die Ontologisierung von Ungleichheit, sondern vor allem Versuche, ein antagonistisches Weltbild durch Emotionaliserung und Personalisierung unbewusster und anonymer Prozesse durchzusetzen. Diese Ausgabe soll helfen, solche Phänome zu verstehen. Gibt es, so lässt sich mit Georg Lukács zunächst fragen, überhaupt eine faschistische Weltanschauung? Die Beiträger*innen bleiben dabei jedoch nicht stehen, sondern zeigen auch Wege auf, wie wir diesen Tendenzen begegnen können.

Eine tragende Rolle kommt dabei einer pädagogischen Praxis zu, die Autonomie, Empfindungs- und Imaginationsfähigkeit fördert. Ludwig Pongratz fragt in seinem Beitrag, welche Herausforderungen sich einer solche „Erziehung nach Auschwitz“ (Adorno) in der multikulturellen Gesellschaft stellen. Als eine psychologische Kondition des Faschismus nimmt Robert Müller die Gefühls- und Denkversehrungen in den Blick, die durch Ressentiment entstehen und die – auch wenn sie selbst nicht ideologisch sind – anfällig für politische Instrumentalisierung machen. Mit Georges Batailles Analysen der bürgerlich-kapitalistischen Demokratie geht der Beitrag von Marvin Dreiwes den psychosozialen und ökonomischen Faktoren nach, die die Hinwendung einer Gesellschaft zum faschistischen Führerkult begünstigen. Zu einer Versuchung wird der Faschismus vor allem da, wo es ihm gelingt, grundlegende menschliche Affekte und Bedürfnisse anzusprechen. Wie populistische Rhetorik gezielt dazu eingesetzt wird, anti-demokratische Positionen in die Mitte der Gesellschaft zu holen und welche Gegenstrategien möglich sind, zeigt schließlich Franziska Schutzbach.

 

Jürgen Manemann / Ana Honnacker